Einen Ausflug nach Williamsburg gilt es noch aufzuarbeiten. Deborah Feldmann wurde im August 1986 in New York geboren, hinein in die Glaubensgemeinschaft der Satmarer, ultraorthodoxer chassidischer Juden in Williamsburg, Brooklyn. Kindheit und Jugend verbrachte sie im Hause der Großeltern, Holocaust Überlebender aus Ungarn, erzogen nach strengsten Regeln, Körper und Haar bedeckt, eingeschränkte Bildungsmöglichkeiten, fern aller westlichen Einflüsse. Denn die lenken vom eigentlichen Glauben ab und im Gegensatz zu anderen jüdischen Glaubensgemeinschaften sind die Satmarer davon überzeugt, Not, Elend, Holocaust sind Strafen Gottes, für das Nichteinhalten der strengen religiösen Regeln. Eine andauernde Diaspora, bis der Messias erscheint, ist ihnen als Strafe für übertriebene Assimilierung an Europa und die westliche Welt auferlegt. Sie lehnen den Zionismus und den Staat Israel ab.
Deborah spürt früh eine Neugier über die angezeigten Grenzen hinaus, heimlich lernt sie englisch, liest verbotene Bücher und versucht irgendwie das eine Leben mit dem Anderen in Einklang zu bringen. Als ihre Ehe arrangiert wird ist sie nicht einmal volljährig, das persönliche Unglück nimmt seinen Lauf….
In ihren Büchern gibt sie uns sehr sensible Einblicke in dieses, für uns so fremde, Leben, mehr möchte ich nicht spoilern, manch einer hat sie ja bereits gelesen oder die Verfilmung oder Reportagen geschaut.
Ich begebe mich zum zweiten Mal direkt in dieses Viertel, nun vorbereitet. Ich möchte an ihrem ’Groß’Elternhaus vorbei gehen, den Schulweg ablaufen, vorbei am kleinen Laden, der Thora Schule bis hin zur Mädchenschule, später dann zu ihrer ersten Wohnung als Ehefrau. Man ist nicht wirklich willkommen, ich trage ein kurzärmeliges Kleid, keine Strümpfe und mein eigenes Haar, ausreichend, um die Familienoberhäupter mit den riesigen Fellhüten (Schtreimel) zu beunruhigen, die den Rest der Familie schleunigst auf die andere Straßenseite geleiten. Verheiratete Frauen tragen Perücken auf den rasierten Schädeln, Strumpfhosen mit hinten verlaufenden Nähten, das Vorhandensein bezeugend, Haut bis zum Handknöchel bedeckt. Ein paar allein laufende junge Frauen wagen einen scheuen Blick, zwei Lächeln schüchtern.
Ich erwarte gar nichts, steht mir nicht zu, ich bin nur neugierig. Ich finde alles. Innerlich zieht sich mein Magen zusammen und ich spüre förmlich diese Enge, den Druck, den Deborah jahrelang in sich hatte. Fast versöhnlich empfinde ich die spielenden, lachenden, herausgeputzten Kinder und kann es auch schätzen, wie gut sie ohne TV, Smartphones, Werbung, Internet…..abgeschirmt aufwachsen.
Wer lebt schon auf die ’richtige’ Art und Weise?! Hier in Amerika gibt es nach unterschiedlichen Quellen 120000-300000 Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaft, meist haben sie 4-7 Kinder, Schulbildung gibt es bis zur 8. Klasse mit zur Religion passender Lektüre, früh teilen sich Jungen und Mädchen. Die Jungen werden Thora - Leser, die Mädchen Mütter und Hausfrauen, viele haben keine Berufsausbildung, daher auch keine Arbeit. Armut ist verbreitet und wird gestützt. Die Gescheiteren machen irgendwelche Geschäfte, laufen telefonierend (Motorola - Tasten- Klapphandys) durchs Viertel. Sie leben auf einem anderen Stern mitten in New York City.
Wir können uns nur Gedanken dazu machen. Wer nichts weiß, möchte und sucht vielleicht auch niemals mehr, Zufriedenheit braucht nicht viel. Jedoch könnte Wissen das Leben leichter machen, Armut lindern, Fortschritt für die gesamte Menschheit schaffen. Kann man in der heutigen Welt nur für sich allein verantwortlich sein und dieses nicht mal Allein bestreiten können? Über die Nichtachtung der Frauen und Mädchen kann ich überhaupt nicht weiter nachdenken, wie kann eine Religion Männer dazu ermächtigen, Frauen klein zu halten, zu demütigen…., es sind Mütter, Töchter. Es sind Frauen die Leben schenken - ich könnte kotz….so schlecht wird mir davon!!!!! Und da braucht wirklich niemand kommen und mir erzählen, irgendeine Frau würde das gut finden oder sich damit irgendwie frei fühlen!
Und ein paar Straßen weiter geht der normale Wahnsinn seinen Gang……
Und die Sandkörnchen im Stundenglas rauschen hinab…..
Ein letzter gemeinsamer Abend mit S & B, einem jungen Paar, das alles hinter sich gelassen hat um in Amerika neu zu starten, voller Energie, Ideen, lange, lange vorbereitet - dann kam Corona!!! Stillstand ohne Zeitangabe, ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne Versicherungen…..anderthalb Jahre später schaffen sie den Absprung und sind genau jetzt hier in New York City und wir laufen für ein paar Wochen gemeinsame Wege.
Sie stehen noch am Anfang ihrer so spannenden Lebensreise, mutig, aufgeschlossen, unerschrocken und so zauberhaft. Neugierig und zuversichtlich hoffe ich, ein wenig teilhaben zu können an ihrer Zukunft, für die ich ihnen von Herzen alles Beste wünsche….
Und im Bryant Park spielen heute 100e einen riesigen Stuhltanz, was für ein Spektakel!
Und zum Abschied zeigen die beiden mir noch die Whispering Walls im Grand Central, hatte ich tatsächlich noch nie gehört, witzige Angelegenheit…..🤫










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